Traditionell breit gefächert präsentiert sich auch diesen Sommer das Ravenna Festival. Klassik in allen erdenklichen Formen, Rock und Pop sind gleichermaßen vertreten. Grenzen will man erst gar nicht entstehen lassen. Die Unterscheidung in "E- und U-Musik"existiert für den klassisch ausgebildeten, aus Palermo stammenden Cellisten Giovanni Sollima ohnedies nicht. Er begann seinen Abend in der noch unter Theoderich erbauten, mit kostbaren Mosaiken im byzantinischen Stil geschmückten Kirche San Vitale tänzerisch verspielt mit Bachs vierter Cello-Solosuite, ließ später, ungleich überzeugender, seine elektronisch verstärkte Version von Marin Marais "La Folia"folgen. Ganz in seinem Element war er mit eigenen Kompositionen, die Jazz- und Rockanklänge mit folkloristischen Farben effektvoll mischen, und mit einer nicht minder raffiniert hingelegten Jimi-Hendrix-Piece.
Wenigstens ein Bauwerk der Stadt Classis, des antiken Hafens Ravennas, ist erhalten geblieben: die heute auf der Straße nach Rimini gelegene Kirche Sant Appolinare in Classe mit ihren 24 byzantinischen Marmorsäulen und den Bildnissen der Bischöfe und Erzbischöfe Ravennas an den Wänden. Die Familie Malatesta in Rimini zählte zu den Mäzenen Guillaume Dufays. Seine wegweisende "Missa Sancti Jacobi"aber ist in Bologna entstanden. Von dort kommen auch einige der Mitglieder des international hoch geschätzten, auf Musik des frühen Mittelalters bis zum 15.Jahrhunderts spezialisierten Ensembles "laReverdie?. Faszinierend, wie sie bei ihrer bis in letzte Detail ausgetüftelten, dabei stets lebendigen Interpretation immer wieder die sehr spezifische Akustik dieses prachtvollen Sakralraums miteinbezogen.
Italiens ewige Orchesterkrise
Zu einer blühenden Orchesterlandschaft hat es Italien bis heute nicht gebracht. Umso wichtiger sind die Bemühungen um Jugendorchester. Zwei davon, das schon länger existierende Orchestra Giovanile Italiana und das erst seit wenigen Jahren von Riccardo Muti gegründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, spannte das Ravenna Festival für einen Auftritt unter Krzysztof Penderecki zusammen. Ob der Mut fehlte, einen Abend nur mit dessen Kompositionen zu bestreiten? Man begann mit einer wenig inspirierten, auch klanglich nicht allzu subtilen Wiedergabe von Beethovens Vierter.
Mehr Applaus spendete das konzentrierte Publikum Pendereckis Concerto grosso für drei Violoncelli und Orchester (2001). Drei junge italienische Cellovirtuosen legten sich für dieses mit zahlreichen Kantilenen aufwartende, dankbare Werke ins Zeug: Enrico Bronzi, Stefano Cerrato und Massimiliano Martinelli. Bisheriger Höhepunkt des Festivals, das bis Mitte Juli noch einen Soloabend Grigorij Sokolows, Wagners "Walküre"in einer Produktion der Litauischen Nationaloper, ein Konzert der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, mehrere Ballette, eine Gershwin-Gala, Verdis Requiem (Ensembles des Maggio Musicale Fiorentino/Muti) oder einen Abend mit Paolo Conte avisiert, war das Gastspiel der Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti.
Erinnerungen an das Neujahrskonzert
Das jüngst auch in Wien präsentierte Mozart-Schubert-Ravel-de-Falla-Programm lockte nicht weniger als 4.500 Besucher in das damit randvolle Palazzo Mauro de Andre. Eine virtuose Zugabe durfte da nicht fehlen: Muti erinnerte mit der Ouvertüre zur Strauß-Operette "Indigo und die 40 Räuber"an einen Programmpunkt seines ersten Neujahrskonzerts 1993.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2007)